Völkermord an den Armeniern - Vergangenheitsbewältigung, Vergebung und Versöhnung statt Verfälschung, Verdrängung, Verschweigen und Vergessen
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Man muss die Dinge beim Namen nennen können
Zitate zur Vergangenheitsbewältigung aus der jüngeren deutschen Geschichte
Zitate zur Geschichtsfälschung und Geschichtsschreibung der Sieger
Hintergrundinformationen zum Völkermord an den Armeniern

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    Man muss die Dinge beim Namen benennen können

Die Türkei hat noch am Sonntag {12.04.2015] scharf auf die Aussagen von Papst Franziskus zum Genozid an den Armeniern reagiert. Das Kirchenoberhaupt schüre mir solchen Worten Hass, erklärte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu via Twitter. Die Erklärung des Papstes sei „
weit von Geschichte und Recht entfernt" und nicht hinnehmbar. Religiöse Ämter seien überdies „nicht der Ort, mit haltlosen Vorwürfen Feindschaft und Hass zu schüren", fügte er hinzu.

Papst Franziskus hatte bei einer Gedenkmesse mit armenischen Gläubigen im Petersdom erklärt, die Armeniern seien „Opfer des ersten Völkermordes des 20. Jahrhunderts" gewesen. Daraufhin wurde ebenfalls noch am Sonntag der Apostolische Nuntius in Ankara, Erzbischof Antonio Lucibello, ins Außenministerium einbestellt. Der türkische Staatssekretär Levent Murat Burhan sagte dem Vatikan-Diplomaten laut Medienberichten, die Äußerung des Papstes habe die Türkei tief enttäuscht; sie sei fern der historischen Tatsachen und einseitig. So habe der Papst nur vom Leid der Armenier gesprochen, nicht aber vom Schicksal der Muslime oder der Angehörigen anderer Religionen.
Die Aussage des Papstes widerspreche zudem dessen eigenen Botschaften von Frieden, Verständigung und Dialog, die er bei seinem Türkei-Besuch im November überbracht habe, so Burhan den Berichten zufolge weiter. Die jüngsten Ereignisse hätten zu einem Vertrauensverlust in den Beziehungen geführt und zeitigten „sicherlich" noch weitere Folgen.
Papst Franziskus hatte sich eines Zitats bedient, als er die Armenier als Opfer des „ersten Völkermordes des 20. Jahrhunderts" bezeichnet. Er bezog sich auf seinen Vorvorgänger Johannes Paul II. (1978-2005), der diese Formulierung in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier Karekin II. vom 27. September 2001 verwendet hatte.
Vor kurzem hatte sich die türkische Regierung noch zuversichtlich gezeigt, einen Eklat zum Völkermord mit dem Vatikan vermeiden zu können. So meldete die Presse, die türkische Botschaft beim Heiligen Stuhl habe einen Gottesdienst des Papstes in Armenien zum 100. Jahrestag der Massaker verhindert. An diesem Sonntag feierte Franziskus einen solchen Gottesdienst mit den Spitzen von Staat und Kirche Armeniens im Petersdom. Die Türkei und der Heilige Stuhl unterhalten seit 1960 diplomatische Beziehungen.
Am 24. April jährt sich der Beginn der Armenier-Massaker im damaligen Osmanischen Reich 1915. Die Türkei lehnt unter Androhung von Strafen die Einstufung der Verbrechen als Völkermord ab und wirft Armenien vor, den Jahrestag für eine Kampagne zur internationalen Anerkennung des Genozids nutzen zu wollen. Bei den Massakern des seinerzeit mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches wurden 1915 und 1916 in Ostanatolien bis zu 1,5 Millionen Armenier ermordet.
http://de.radiovaticana.va/news/2015/04/12/t%C3%BCrkei_protest_gegen_papstaussage_vom_genozid_an_armeniern/1136293

Wo es keine Erinnerung gebe, da halte „das Böse die Wunden offen“, hat Papst Franziskus über den Völkermord an den Armeniern gesagt. Die Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei zeigen, wie recht das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche damit hat: Das größte Hindernis für deren Normalisierung hundert Jahre nach den Verbrechen an den Armeniern im Frühjahr und Sommer 1915, lange nach dem Tod der letzten Zeitzeugen, ist die Weigerung der Türkei, sie uneingeschränkt als das anzuerkennen, was sie sind: Völkermord.
Die für Außenstehende manchmal obsessiv wirkende Forderung der Armenier nach dessen „Anerkennung“ hat ihre Ursache in solch beschämenden Reaktionen wie jener der türkischen Regierung auf die Rede des Papstes.
Die in Russland stattfindende Heroisierung Stalins als Führer im Zweiten Weltkrieg und die damit einhergehende Relativierung seiner monströsen Verbrechen durch die russische Führung sind ein Quell der Spannungen in Osteuropa. Bedrückend daran ist, dass sich Russland mit einem Verbrecher identifiziert und ihm neue Denkmäler bauen will, der auch Millionen Russen auf dem Gewissen hat.
Dass Erinnerung der Weg zur Aussöhnung sein kann, zeigt das Verhältnis Deutschlands zu Israel sowie zu seinen Nachbarländern, die während des Zweiten Weltkriegs unter deutscher Besatzung Unglaubliches erlitten haben.
Der Weg dorthin war nicht einfach, er war voller Rückschläge und Missverständnisse. Angesichts des Ausmaßes der nationalsozialistischen Verbrechen können viele Wunden nicht heilen, solange noch Opfer oder ihre unmittelbaren Nachfahren leben. Auch ist nicht klar, ob sich Deutschland seiner Geschichte ohne Druck aus dem Ausland so gestellt hätte, wie das in den vergangenen Jahrzehnten geschehen ist....
http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/papst-kritisiert-tuerkei-ein-voelkermord-13534423.html

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat die Aussagen von Papst Franziskus zum „Völkermord“ an den Armeniern scharf kritisiert. Sie seien „unglücklich gewählt, falsch und widersinnig“ und beruhten auf einer fehlerhaften Interpretation der Geschichte, sagte Davutoglu am Sonntagabend in Istanbul. „Gleichzeitig tragen sie zum steigenden Rassismus in Europa bei.“ Muslime und Türken würden damit kollektiv einer Schuld bezichtigt. 
Mittlerweile hat Papst Franziskusauf die türkische kritik reagiert und dazu aufgefordert, "die Dinge in Freiheit beim Namen zu nennen". Die Botschaft der Kirche sei auch heute eine "Botschaft für den Weg der Aufrichtigkeit, den Weg des christlichen Muts", sagte er am Montag während seiner Morgenmesse im Vatikan. "Wir dürfen nicht verschweigen, was wir gesehen und gehört haben", so Franziskus. 
Papst Franziskus hatte die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren in einer Messe am Sonntag als „ersten Völkermord im 20. Jahrhundert“ bezeichnet. Die Türkei lehnt es als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs ab, von Genozid zu sprechen.
http://www.focus.de/politik/ausland/graeueltaten-an-armeniern-1915-davutoglu-papst-aeusserung-zu-voelkermord-traegt-zu-rassismus-bei_id_4607017.html

Das türkische Außenministerium hatte Franzikus' Worte bereits 2013 scharf kritisiert und als "inakzeptabel" bezeichnet. Zudem warnte es den Vatikan damals davor, "Schritte vorzunehmen, die irreparable Konsequenzen für unsere Beziehungen haben könnten." Vom Pontifikat werde erwartet, zum Weltfrieden beizutragen, statt Feindseligkeiten über historische Ereignisse zu schüren, hieß es damals weiter.
Der Papst sagte, für die beiden anderen Völkermorde des 20. Jahrhunderts seien der "Nazismus und der Stalinismus" verantwortlich. In jüngerer Vergangenheit habe es aber noch weitere Massenmorde gegeben, etwa in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien. Die Menschheit sei offenbar nicht dazu in der Lage, "dem Vergießen von unschuldigem Blut ein Ende zu setzen", sagte Franziskus.
http://www.welt.de/politik/ausland/article139427931/Tuerkei-holt-Botschafter-aus-dem-Vatikan-zurueck.html

Vor dem hundertsten Jahrestag des Genozids an den Armeniern hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan armenische Gewalttaten im Ersten Weltkrieg angeprangtert.
Die durch Armenier verursachten Verluste von "Hunderttausenden Menschen" seien ebenso groß gewesen wie die Verluste der Armenier selbst, sagte Erdogan laut türkischen Medienberichten in einer Rede. Erdogan warf der armenischen Diaspora vor, der Türkei mit dem Vorwurf des Völkermordes schaden zu wollen.
http://www.welt.de/politik/ausland/article138574988/Erdogan-wirft-Armeniern-Gewalttaten-vor.html

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat damit gedroht, bis zu 100.000 Armenier aus seinem Land auszuweisen. "Ich muss sie nicht in meinem Land behalten", sagte er in einem Interview mit dem türkischsprachigen Dienst der britischen BBC. "Derzeit leben 170.000 Armenier in unserem Land. Davon sind nur 70.000 türkische Bürger. Aber wir tolerieren den Rest. Falls nötig, muss ich diese 100.000 vielleicht auffordern, in ihr Land zurückzukehren, weil sie nicht meine Bürger sind." Erdogan reagierte damit auf Entschließungen eines US-Kongressausschusses und des schwedischen Parlaments, die die Massaker an Armeniern während des Ersten Weltkriegs im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnen. Antriebskraft hinter solchen Resolutionen seien im Ausland lebende Armenier, sagte Erdogan in dem am Dienstag geführten Gespräch. Die türkische Regierung erkennt zwar an, dass osmanische Türken zahlreiche christliche Armenier zu Beginn des 20. Jahrhunderts töteten. Die Einstufung als Völkermord, bei dem bis zu 1,5 Millionen Armenier durch Verfolgung und Abschiebung ums Leben gekommen sein sollen, lehnt sie aber vehement ab.
http://de.reuters.com/article/worldNews/idDEBEE62G02A20100317 (17.03.2010)

Ein Muslim kann keinen Völkermord begehen. Gaza und Darfur soll man nicht vermischen.
Am 9. November 2009 im Staatsfernsehen TRT, über den sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir


  Zitate zur Vergangenheitsbewältigung aus der jüngeren deutschen Geschichte

Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.
George de Santayana (1863-1952), US-amerikanischer Philosoph und Dichter spanischer Herkunft

Überwunden werden kann die Vergangenheit nur von Menschen, von Männern und Frauen, in denen die Flamme des Guten lebendig ist, und die wissen, dass die Liebe eine stärkere Kraft ist als der Hass.

Ernst Reuter (1889-1953), deutscher Politiker und Kommunikationswissenschaftler, von Nazis inhaftiert, Exil in der Türkei, Berliner Bürgermeister

Manch "unbewältigte" Vergangenheit schuf Vergewaltiger der Gegenwart.
Ludwig Marcuse (1894-1971), deutscher Philosoph und Schriftsteller

Ehe man seine Vergangenheit nicht verträgt, ist die Vergebung nicht recht geglaubt.

Jochen Klepper (1903-1942), deutscher evangelischer Theologe, Journalist und Schriftsteller, Gegner der NS-Judenpolitik

Es gibt Vergangenheit, die aus dem Weg geräumt werden muss, die also nicht einfach hinter uns liegt, sondern vor uns, zwischen uns und der Zukunft, wie ein Gestrüpp jeden freien Schritt hindernd. Solche unvergangene Vergangenheit ist die Schuld. Sie aus dem Weg zu räumen - darum geht es bei der Buße. Großer Missverstand wäre es also, Buße - wie es noch oft geschieht - gleichzusetzen mit unfruchtbarer Reue. Hier geht es vielmehr gerade darum, dass Vergangenheit endlich wirklich vergangen werde, dass unser Leben frei in die Zukunft gehen kann.
Helmut Gollwitzer (1908-1993), deutscher evangelischer Theologe, Schriftsteller und Sozialist, scharfer Kritiker der "Deutschen Christen" und Mitglied der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit

Wer die Vergangenheit nicht gesühnt hat, fürchtet sich vor der Zukunft.
Luise Rinser (1911-2002), deutsche Schriftstellerin, nach anfänglicher Zustimmung Gegnerin der Nazis

Eine Schonung unserer Gefühle durch uns oder durch andere hilft uns nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir es können, ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung, ohne Einseitigkeit.
Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007), deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher

Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.
Richard von Weizsäcker (1920-2015), deutscher Politiker, CDU, Bundespräsident in der Zeit der Wiedervereinigung

Die Vergangenheit verwirft man nicht, sondern bewältigt sie und lernt aus ihr.

Pinchas Lapide (1922-1997), österreichischer jüdischer Religionswissenschaftler, engagiert für den
christlich jüdischen Dialog

Die sogenannte Bewältigung der Vergangenheit ist vor allem durch das Näherrücken und das gegenseitige bessere Verständnis von möglichst vielen Menschen erreichbar.
Wladyslaw Bartoszewski (1922- ), polnischer Historiker, Publizist und Politiker, engagiert im polnisch-jüdischen Studentenaustausch


Wer die Opfer vergisst, tötet sie ein zweites Mal.

Elie Wiesel (1928- ), rumänisch-stämmiger jüdischer US-amerikanischer Hochschullehrer und Publizist, Friedensnobelpreisträger

Unsere Beziehungen sollten auf eine uneingeschränkte Aufrichtigkeit gegründet sein. Die Zeit der ewigen Entschuldigungen, in der sich die einen bei den anderen für die Taten ihrer Urgroßväter entschuldigen, ist vielleicht vorbei. Eher ist jetzt die Zeit einer sachlichen, gelassenen Reflexion dieser Vergangenheit gekommen.
Václav Havel (1936-2011), tschechischer Dramatiker, Essayist, Menschenrechtler und Politiker, einer der Wegbereiter der deutsch-tschechischen Aussöhnung, verurteilte als einer der ersten die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels

Erinnern kann nicht ungeschehen machen, aber die Wiederholungswahrscheinlichkeit verringern.
Friedrich Schorlemmer (1944- ), deutscher evangelischer Theologe, Philosoph und Pädagoge

  Zitate zur Geschichtsfälschung und Geschichtsschreibung der Sieger

Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), deutscher Dichter

Es gibt zwei Arten von Geschichte: Die eine ist die offizielle, geschönte, jene die gelehrt wird, eine Geschichte ad usum delphini; und dann ist da die andere geheime Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt, eine beschämende Geschichte.
Honoré de Balzac (1799-1850), französischer Schriftsteller

Es gibt nur eine Sünde, die gegen die ganze Menschheit mit allen ihren Geschlechtern begangen werden kann, und dies ist die Verfälschung der Geschichte.
Christian Friedrich Hebbel (1813-1863), deutscher Dramatiker und Lyriker

Geschichte handelt fast nur von schlechten Menschen, die später gutgesprochen worden sind.
Friedrich Nietzsche (1844-1900), deutscher klassischer Philologe, Philosoph

Die erfolgreichen Niederträchtigkeiten werden von der Geschichtsschreibung eines Tages große Taten genannt werden.
Oscar Blumenthal (1852-1927), deutscher Schriftsteller, Kritiker und Bühnendichter

Die Geschichtsschreibung ist der zweite Triumph der Sieger über die Besiegten.
Bernard Law Montgomery (1887-1776), britischer Berufsoffizier

Erst wenn die Kriegspropaganda der Sieger Einzug gefunden hat in die Geschichtsbücher der Besiegten und von der nachfolgenden Generation geglaubt wird, kann die Umerziehung als wirklich gelungen angesehen werden.
Walter Lippmann (1889-1974), US-amerikanischer Journalist, Schriftsteller und Medienkritiker

Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.
George Orwell (1903-1950), in Indien geborener englischer Schriftsteller, Essayist und Journalist

Man kann sogar die Vergangenheit ändern. Die Historiker beweisen es immer wieder.
Jean-Paul Sartre (1905-1980), französischer Schriftsteller, Philosoph und Publizist

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Deutschland hat den Völkermord an den Armeniern - obwohl das Deutsche Kaiserreichs darin sogar selbst verwickelt war - im Gegensatz etwa zur UNO (1985) und anderen Staaten (wie z.B. Frankreich 2001 und Schweden 2010) bisher nicht offiziell anerkannt - der Begriff Völkermord wird aus politischer Rücksichtnahme vermieden.

Die türkischen Schulbücher vermitteln bis heute den Schülern die offizielle Position des Staats, dass 1915 die Türken Opfer der Armenier gewesen wären. So hätten Armenier in Anatolien Türken massakriert, und dennoch wären viele Armenier durch Türken vor ihren eigenen Landsleuten beschützt worden. Im aktuellen Geschichtsbuch für die Klasse 10 heißt es auf Seite 212: „Mit dem Umsiedlungsgesetz wurden nur jene Armenier aus dem Kriegsgebiet entfernt und in die sicheren Regionen des Landes gebracht, die sich an den Aufständen beteiligt hatten. Diese Vorgehensweise hat auch das Leben der übrigen armenischen Bevölkerung gerettet, denn die armenischen Banden haben jene ihrer Landsleute, die sich an den Terrorakten und Aufständen nicht beteiligt hatten, umgebracht.“
An Zynismus nicht zu überbieten
ist eine weitere Passage, ebenfalls auf Seite 212: „Um die Bedürfnisse der umgesiedelten Armenier unterwegs zu stillen, wurden eigens Beamte beauftragt. Damit auf dem Weg zum Zielort und am Zielort selbst niemand die Umsiedler tätlich angreift, wurden geeignete Maßnahmen ergriffen. Angreifer wurden umgehend festgesetzt und dem Kriegsgericht zugeführt. Man achtete darauf, dass der Boden an den Zielorten fruchtbar war und es an Wasser nicht mangelte. Um die Sicherheit von Leib und Leben zu gewährleisten, wurden dort Polizeistationen gegründet.“ Der „fruchtbare Boden“ war die wasserlose syrische Wüste.
Eine Seite weiter heißt es im selben Schulbuch, dass
zwar 300 000 Armenier an den Kriegsfolgen und Krankheiten gestorben seien. Jedoch: „Nach offiziellen russischen Quellen haben die Armenier allein in Erzurum, Erzincan, Trabzon, Bitlis und Van an die 600 000 Türken massakriert, vertrieben wurden 500 000.“ Insgesamt hätten damals 1,4 Millionen Türken ihr Leben gelassen. Opfer wären also vor allem sie.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hundert-jahre-nach-dem-massenmord-an-den-armeniern-13503941.html

Erste Norm des Geschichtsschreibens ist es, die Wahrheit zu sagen, sodann nichts Wahres zu verschweigen.
Lucius Annaeus Seneca (ca. 1-65), römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker



Erfreulich sind die mutigen Ansätze kritischer wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern und zivilgesellschaftlicher Vergangenheitsbewältigung in der Türkei in den letzten Jahren.

Beschämend ist das Schweigen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier in der Bundestagsdebatte zum Völkermord an den Armeniern und einige Reaktionen darauf von offizieller türkischer Seite auch hierzulande.

Dazu einige aufschlussreiche Pressestimmen:

"... als über 156.000 Deutsche im Rahmen des „Bürgerdialogs“ Frau Merkel Anfang 2012 aufforderten, die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern, ähnlich wie das Leugnen der Schoah, unter Strafe zu stellen, winkte die Kanzlerin nur ab: Die „Aufarbeitung der Ereignisse“ sei eine bilaterale Angelegenheit zwischen Armenien und der Türkei und ginge Deutschlands nichts an. Eine solche Haltung ist schon skandalös angesichts der Tatsache, dass dies alles quasi mit deutschem „nihil obstat“ geschah – von uns einfach gebilligt wurde! Da drückt sich die Kanzlerin vor der historischen Verantwortung unseres Landes. Dabei liegen einige der eindrucksvollsten Zeugnisse für die Verbrechen der Türkei im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin!" (Michael Hesemann im Interview Yuliya Tkachova vom 2.03.2015 http://www.kath.net/news/49615 )

Der Satz könnte ganz einfach lauten: "Der Bundestag verurteilt den an den Armeniern begangenen Völkermord." Doch diese schlichte Formulierung werden die Fraktionen von Union und SPD, die heute Nachmittag in der Sitzungswoche des Parlaments zusammenkommen, nicht vorfinden.
Stattdessen haben die beiden Fraktionsführungen, haben Kanzleramt und Auswärtiges Amt einen diplomatisch verklausulierten Satz hingelegt, der es irgendwie allen Recht machen soll: Das Schicksal der Armenier stehe "beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen und der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist."
Diese hohe Schule der Spitzfindigkeit dient vor allem einem Zweck - Deutschland will es sich mit dem Nato-Partner Türkei nicht verscherzen. Das Land am Bosporus wird gebraucht - nicht zuletzt als Stabilitätsanker in einer unruhigen Region. Berlin steht mit dieser Position nicht alleine - auch die USA verfahren in der Armenienfrage so, bis zum heutigen Präsidenten Barack Obama. Als US-Senator hatte er einst versprochen, den Fakt des Genozids an den christlichen Armeniern anzuerkennen, als US-Präsident aber ließ er von seinem Ziel ab.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/armenien-koalition-meidet-das-direkte-wort-voelkermord-a-1029564.html

Kein Herumlavieren bei Völkermord
Statt des Genozids an den Armeniern würdig zu gedenken, üben sich die Koalitionsfraktionen in Formulierkunst ...
Man will nicht wissen, wie viele Juristen, PR-Experten und Diplomaten wie viele Stunden lang an dieser Formulierung gesessen haben und wie groß die Begeisterung gewesen sein muss, als einer auf diese erlösende Formel kam: »Beispielhaft für die Geschichte der Völkermorde«! Welch großer Wurf! Der Begriff »Völkermord« kommt vor, wird aber nicht explizit auf die Verbrechen, die das Osmanische Reich an den Armeniern begangen hat, angewendet!
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/22084

Das deutsch-türkische Journal spricht unter der Überschricht "Keine Abstimmung zum "Völkermord" im Bundestag" vom "so genannten "Völkermord" an den Armeniern.... und stellt fest "Merkel und Steinmeier meldeten sich im Parlament nicht zu Wort".
http://dtj-online.de/keine-abstimmung-zum-voelkermord-im-bundestag-52345

Die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) bringt eine Pressemeldung unter der Überschrift "Zu den traurigen Ereignissen während des ersten Weltkriegs" schreibt verharmlosend:
"... Während dieses Krieges sind mehr als 10 Millionen Muslime, Christen und sehr viele anderen Religionsangehörigen gestorben, die bis zu dieser Zeit in Frieden miteinander lebten aber gegeneinander angestachelt wurden."
...
Im Rahmen des hundertsten Jahres zum Beginn dieser Übersiedlung am 24. April 1915 teilen wir das Leid der armenischen Bevölkerung, die sie im Rahmen der Kriegsbedingungen erlitten haben und die tiefe Spuren in den Gedächtnissen hinterlassen haben. Allen unschuldigen und geschädigten Gefallenen während dieses Krieges wünschen wir die Barmherzigkeit des erhabenen Schöpfers.
...
In einer Situation, in der im Austausch zwischen den Historikern und den beteiligten Parteien das gegenseitige Verstehen und die gegenseitige Umarmung als Lösung dienen sollte, ist es allerdings für das gegenseitige Verstehen und das Entstehen eines Friedensklimas hinderlich, wenn unbeteiligte dritte politische oder religiöse Lager Thematisierungsinitiativen des Ereignisses allein über Beschreibungen, Symbole oder Verbote starten. Statt das Umsiedlungsereignis von den armenischen Staatsbürgern des Osmanischen Reiches und die erlebten Dramen in Anatolien im Jahr 1915 vor allem ganzheitlich mit ihren Gründen und Folgen zu erörtern, betonen wir, dass politische Ziele verfolgend die beharrliche Oktroyierung des Begriffes „Völkermord“ in Form einer einseitigen Schuldzuweisung weder zutreffend ist, noch irgendjemandem einen Nutzen bringen wird.... "

Außernminister Frank-Walter Steinmeier hatte versucht den Begriff "Völkermord" zu verhindern.
"Wir müssen in Deutschland aufpassen, dass wir am Ende nicht denen recht geben, die ihre eigene politische Agenda verfolgen und sagen: Der Holocaust hat eigentlich vor 1933 begonnen." Übersetzt heißt das nicht weniger, als dass der Papst, Joachim Gauck und Norbert Lammert den Verharmlosern des Holocaust in die Hände spielen.
http://www.sueddeutsche.de/politik/voelkermord-der-absurde-herr-steinmeier-1.2452850

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sprach verharmlosend von "traurigen Ereignissen" und relativierte diese mit den Worten "Mit Erbarmen und Respekt gedenke ich aller Osmanischen Bürger gleich welcher ethnischen und religiösen Identität, die während dieses Krieges unter ähnlichen Bedingungen ihr Leben verloren haben."
Die Präsidenten Frankreichs, Francois Hollande, und Russlands, Wladimir Putin nahmen an den offiziellen Feierlichkeiten in der armenischen Hauptstadt Jerewan teil. Deutschland schickte keine hochrangigen Vertreter, obwohl das Deutsche Kaiserreich dem Genozid zugeschaut und sogar mitgewirkt hatte.
http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-04/voelkermord-armenien-erdogan

Zwei Drahtzieher des Genozids an den Armeniern liegen in Ehrengräbern an der Berliner Sehitlik-Moschee, einem durch eine historische Schenkung extraterritorialen türkischen Gelände mitten in der Hauptstadt.
http://www.welt.de/politik/deutschland/article139816650/Ehrengraeber-fuer-Voelkermoerder-in-Berliner-Moschee.html

"In der Türkei haben die religiösen Minderheiten mehr Rechte als in Europa. Was können sie hier nicht ausleben in ihrem Glauben? Reißen wir etwa ihre Kirchen ab?", fragte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in einem SPIEGEL-Interview am Montag (16.04.2007)
http://www.spiegel.de/politik/ausland/christen-in-der-tuerkei-hass-auf-die-kleine-herde-a-478091.html

Wenn auf dem Gebiet der Türkei Anfang des 20. Jahrhunderts noch ca. 20 % Christen lebten und 2009 noch 0.2 % (100.000) wirft das viele Fragen auf.
Und selbst dieser verschwindend kleine Minderheit werden noch elementare Rechte verweigert.
http://www.faz.net/aktuell/politik/religionsfreiheit-christen-in-der-tuerkei-1582345.html
http://www.kas.de/wf/doc/kas_22394-544-1-30.pdf?110406104435


Messen mit unterschiedlichen Maßstäben, Beschönigungen, Verharmlosung, Empfindlichkeit und Abwehrhaltung, Verschwörungstheorien und Drohungen gegenüber denen, die unliebsame historische Wahrheiten aussprechen sind einer ehrlichen und mutigen Vergangenheitsbewältigung kaum zuträglich.


  Hintergrundinformationen zum Völkermord an den Armeniern

http://i1.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/5c/Armenian_Genocide_Map-en.svg/2574px-Armenian_Genocide_Map-en.svg.pngDeportationszentren, Deportationswege und Vernichtungszentren des Genozids an den Armeniern
http://i1.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/5c/Armenian_Genocide_Map-en.svg/2574px-Armenian_Genocide_Map-en.svg.png


Deutsch

http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern
http://honorarkonsulat-armenien.de/voelkermord.htm
http://www.armenocide.de/armenocide/armgende.nsf/WebStart-De?OpenFrameset
http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184983/genozid-an-den-armeniern
Aufklärung über türkischen Völkermord an den Armeniern: in Schulbüchern unerwünscht, in: CHRIST IN DER GEGENWART, 6/2005, 6. Februar., Verlag: Freiburg, Herder,, 2005
Der Vatikan und der Völkermord an den Armeniern
http://michaelhesemann.info/9_4.html
https://miteinerstimmesprechen.wordpress.com/2015/07/25/3-genozide-in-nur-10-jahren/

Englisch

http://en.wikipedia.org/wiki/Armenian_Genocide
http://www.genocide-museum.am


 
     
     
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