Christen in Syrien - der vergessene Bürgerkrieg
   

Christen in Syrien - der vergessene Bürgerkrieg

Am 29.01.2015 referierte Marion Touma, Lehrerin in Altdorf im Rahmen einer Veranstaltung der katholischen Erwachsenenbildung in Altdorf bei Nürnberg über „Christen in Syrien – gestern und heute“. Anhand von eindrucksvollen Bildern und bewegenden persönlichen Berichten u.a. aus dem Heimatdorf ihres Mannes nahe der türkischen Grenze schilderte Marion Touma das Leben der Christen vor und während des syrischen Bürgerkriegs.

Als Sie vor 26 Jahren in Syrien ihren Mann kennen lernte, lebten dort ca. 15 Mio. Muslime und 1 Mio. Christen friedlich zusammen. Die Kinder der syrischen Verwandschaft wuchsen in drei Sprachen und Kulturen auf, in der Familie lernten sie Syrisch - eine Sprache, die auf das Aramäische zurückgeht, das auch Jesus sprach - in der Schule Arabisch und Englisch. Sie hat Muslime als herzliche und liebenswerte Menschen kennengelernt. In der Omajadenmoschee in Damaskus beteten Muslime und Christen am Grab Johannes des Täufers. Die zumeist griechisch-orthodoxen oder mit Rom unierten orthodoxen Kirchen mit ihren uralten Klöstern unterhielten caritative Einrichtungen, die Christen und Muslimen zu Gute kamen. Geistliche und Eltern gelten in den traditionell christlich geprägten Gemeinden als Respektpersonen, die man mit Ehrerbietung behandelt. Auf dem Papier besaßen Christen gleiche Rechte, tatsächlich aber wurden sie in verschiedenen Lebensbereichen benachteiligt. So mussten sie in der Schule wesentlich bessere Leistungen erbringen, um an einer Uni zugelassen zu werden. In den Städten war es für sie schwierig, Kirchenbauten genehmigt zu bekommen. In den städtischen Basaren pulsierte das Leben, wenn auch die Lebenshaltungskosten hoch waren. Auf bewässerten Flächen entlang des Flusses bauten die Bauern in einer wüstenhaften Umgebung Obst, Gemüse und Wein für den Eigenbedarf und den Markt an.

Seit Ausbruch des Bürgerkriegs gibt es an den Eingängen der Dörfer Schlagbäume und Wachposten. Durch die Zerstörung von Brücken, Strom- und Telefonleitungen sind Kontakte zur Außenwelt immer schwieriger oder gar unmöglich geworden. Die staatliche Infrastruktur ist zerfallen, verstärkt durch die unterschiedlichen sich auch untereinander bekämpfenden Gruppierungen. Auf der verbrannten Erde kann immer weniger angebaut werden und auch Bäume wurden zerstört. Lebensmittel sind daher sehr teuer geworden und Menschen, die keine Unterstützung von Verwandten aus Europa oder den USA erhalten, müssen hungern. Lebensmittelpakete des UN-Flüchtlingsdienstes, die es alle drei Wochen gibt, reichen bei weitem nicht aus. Der kleine Libanon, der 1,5 Mio. Flüchtlinge aufgenommen hat, hat inzwischen die Grenzen nach Syrien geschlossen. Preise werden in die Höhe getrieben, eine 2-Zimmerwohnung kostet etwa 1.000 € und für viele Flüchtlinge entwickelt sich die Situation dort zur Sackgasse. Nach 6-monatigem Antragsverfahren hat Frau Touma syrischen Christen im Rahmen des UNHCR-Flüchtlingskontingentes von 30.000 Personen nach Deutschland holen können. Andere Flüchtlinge mussten den Weg mittels Seelenverkäufern auf baufälligen Booten über das Mittelmeer suchen.

Gottesdienst für erschossenen Pfarrerssohn in SyrienBesonders bewegte die Schilderung des Schicksals der Familie eines orthodoxen Pfarrers, dessen 15-jähriger Sohn von einem ISIS (Islamischer Staat in Syrien)-Scharfschützen abends auf dem Heimweg auf dem Fahrrad erschossen wurde. Der Vater fand den Leichnam als erster auf dem Feld und musste seinen eigenen Sohn beerdigen. Danach wurde er von ISIS-Leuten bedroht: Entweder er gehe mit seiner Familie, oder er werde seine Tochter nicht lebend wiedersehen. Die Familie ist inzwischen nach Deutschland ausgewandert. Doch plagt ihn der Gedanke, dass er seine syrische Pfarrgemeinde im Stich lassen musste.

Der ISIS haben die christlichen Dörfer inzwischen fast vollständig umzingelt und die Bevölkerung ist in Folge der Kriegseinwirkungen und Fluchtbewegungen drastisch zurückgegangen.  Immer wieder kam und kommt es neben Erschießungen auch zu Entführungen, gezielt von Personen, von deren Angehörigen hohe Lösegelder erpresst oder deren Fähigkeiten gebraucht werden können. Großen Zulauf hat der ISIS auch, weil er den Söldnern ein Vielfaches des normalen Soldes zahlen kann. Mit hinterhältigen Terroranschlägen versucht er, die Menschen einzuschüchtern und ihre Moral zu brechen.

Durch Zwischenfragen und eine angeregte Diskussionsrunde im Anschluss kamen noch andere interessante Aspekte zur Lage der Christen in Syrien zur Sprache. So etwa wurde der ISIS durch arabische Ölstaaten finanziell unterstützt. Unter dem syrischen Regime von Baschaar-al-Assad, der der kleineren Religionsgemeinschaft der Alawiten angehörte und Vorsitzender der säkularen Arabischen Sozialistischen Baath-Partei war, gab es einen Grad von Religionsfreiheit wie in sonst keinem anderen arabischen Staat. Der „Arabische Frühling“ hat in Syrien nicht die erhoffte Verbesserung hinsichtlich Demokratie und Menschenrechten gebracht. Eine Zuhörerin wies auf die auch in Syrien engagierte überkonfessionelle christliche Organisation Open Doors hin, die Christen unterstützt - wie auch die internationalen Hilfswerke der Kirchen. Auch einige junge Syrer aus der Umgebung waren zu dem Vortrag gekommen.

Der Krieg in Syrien dauert nun schon fast vier Jahre an und ein Ende ist nicht absehbar. Mit Wehmut schaut Marion Touma, die selbst sehr engagiert ist und mehrere syrische Flüchtlinge bei sich aufgenommen hat, auf die Zeit vor dem Bürgerkrieg zurück. Sie betonte, wie wichtig es ist, bei der Integration der Flüchtlinge zu helfen, die ja in einer extremen Notsituation zu uns gekommen sind. Mit einer guten schulischen und beruflichen Ausbildung hätten sie vielleicht auch die Möglichkeit, irgendwann in der Zukunft am Neuaufbau ihres Heimatlandes mitzuwirken.


    

 
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© Dr. Martin Weimer, Altdorf b.Nürnberg